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Die größten Risiken von KI liegen nicht in einer Maschine, die sich verselbstständigt – sondern darin, wie wir sie einsetzen. Das ist die Kernbotschaft von Zukunftsforscherin und Soziologin Carina Stöttner. Im Rahmen der Digital ConnecT in Bozen sprach sie darüber im Morgengespräch bei Rai Radio und in der Tagesschau von Rai Südtirol.
Moralische Panik statt Weltuntergang
Ein düsteres KI-Szenario hält Stöttner für weit weniger wahrscheinlich als oft dargestellt. Die Debatte sei von einer „moralischen Panik“ geprägt, wie sie neue Technologien regelmäßig begleitet. Schon bei der Eisenbahn fürchtete man, hohe Geschwindigkeiten führten zu Blindheit.
Manche Warnungen haben laut Stöttner auch strategische Gründe: Wer vor den Gefahren warnt, inszeniert sich zugleich als der, der die Zügel in der Hand hält.
KI ist nur so mächtig, wie wir sie lassen
Moderne KI-Systeme können in gewissem Umfang selbstständig handeln – das bringt neue Risiken. Doch sie brauchen Server, Energie und Rechenzentren und können nicht unbegrenzt Macht anhäufen. „Eine KI ist nur so mächtig, inwiefern wir ihr auch Zugang und Zugriff zu dieser Welt geben“, sagt Stöttner.
Kritische Entscheidungen oder ganze Infrastrukturen sollten deshalb nicht ungeprüft an KI übergeben werden. Nötig sind klare gesetzliche Vorgaben und ethische Leitplanken.
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Südtiroler Betrieben rät Stöttner, nicht aus „Fear of Missing Out“ in KI-Tools zu investieren. Zuerst sollte klar sein, welches Problem gelöst werden soll. Für Handwerk, Hotellerie und Handel sieht sie viel Potenzial in der Verwaltung: Terminvergabe, Rechnungen, Anfragen.
Was Menschen gerne tun und worauf sie stolz sind, sollte dagegen bleiben. „Wenn ich den Teil wegnehme, die Kernkompetenz, dann nehme ich den Menschen auch ein Stück weit das weg, worauf sie sich jeden Tag freuen in der Arbeit“, so Stöttner.
Auch Vertrauen bleibt menschlich. KI erkennt Muster in großen Datenmengen, etwa in der Brustkrebs-Diagnostik, oft früher als der Mensch. Eine schwere Diagnose will aber niemand von einer Computerstimme hören. Gerade in familiengeführten Betrieben in Gastronomie und Tourismus ist der persönliche Kontakt oft entscheidend.
Nicht Mensch oder Maschine
Stöttners Fazit: Entscheidend ist nicht die Frage „Mensch oder Maschine“, sondern wo Menschen den größeren Mehrwert schaffen – und wo KI sinnvoll unterstützen kann.
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Die Zukunft der Arbeit wird nicht allein von Technologie bestimmt, sondern vom Zusammenspiel zwischen Mensch, Kreativität und Künstlicher Intelligenz. Mit diesem Gedanken schloss die Zukunftsforscherin Carina Stöttner, CEO und Gründerin der Futurewise Company, am 7. Oktober die dritte Ausgabe der Digital ConnecT im Four Points by Sheraton in Bozen ab.
Das Motto des Tages: nur konkrete Methoden, von Versprechungen zu Ergebnissen. Eröffnet hatte den Tag Raffaele Gaito mit seinem Konzept des „AI Mindset“: Erfolgreicher KI-Einsatz ist zuerst eine Frage der Haltung und erst danach eine Frage der Technologie. An diesen Gedanken knüpfte Stöttner am Abend an. Den ganzen Tag ging es um AI-Strategien, Marketing, Automatisierung und Cybersicherheit – mit praktischen Erfahrungen und übertragbaren Methoden internationaler Expertinnen und Experten.
In ihrer Keynote richtete Stöttner den Blick nach vorne. Welche KI-Tools stehen Unternehmen heute und in naher Zukunft zur Verfügung? Und welche menschlichen Fähigkeiten bleiben trotz aller Fortschritte unersetzlich? Im Mittelpunkt standen drei Learnings.
1. Erst vom Menschen her denken, dann nach dem größten Mehrwert fragen
Wenn Unternehmen KI einführen, gibt es grob drei Denkwege. Man kann vom Tool her denken, vom größten Mehrwert für das Unternehmen her – oder vom Menschen und seiner Tätigkeit her. Die meisten starten mit einem der ersten beiden.
Als Beispiel nannte Stöttner den Unternehmer Lukas Dieterle. Er hat zuerst die Menschen und ihre Tätigkeiten betrachtet. Erst danach hat er gefragt, wo KI den größten Mehrwert schafft.
Seine Leitfragen gab sie dem Publikum als Impuls für das eigene Unternehmen mit:
Worauf sind die Menschen stolz?
Was passt zu unseren Werten und unserem Außenbild?
Worauf haben die Menschen Lust?
Die Antworten zeigen, welche Aufgaben beim Menschen bleiben sollten – und wo KI wirklich entlastet.
Das Learning: KI strategisch, aber vom Menschen her gedacht, maximiert die Zufriedenheit und den Mehrwert der Technologie.
2. Frei gewordene Zeit braucht Raum für Begegnung, nicht noch mehr Aufgaben
KI schafft nicht zwangsläufig Zeit, betonte Stöttner. Sie schafft vor allem mehr Output in kürzerer Zeit. Was mit der gewonnenen Zeit geschieht, ist eine bewusste Entscheidung.
Füllen Unternehmen sie mit noch mehr Aufgaben, entsteht eine Spirale. KI verstärkt dann genau die Beschleunigung, die der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt. Man wird schneller, aber nicht unbedingt besser.
Stöttners Empfehlung: einen Teil der frei gewordenen Zeit bewusst für echte zwischenmenschliche Begegnung freihalten. Daraus entsteht, was keine Maschine liefern kann – neues Denken, Kreativität und neue Wachstumsfelder. Und der Mensch bleibt im Arbeitsumfeld im Blick.
Das Learning: Produktivität braucht die Balance mit Resonanzräumen.
3. KI ist nie neutral – deshalb müssen Unternehmen ihre Werte einspeisen
„KI kennt unsere Welt nur so weit, wie wir sie füttern“, so Stöttner. Daten und Training bestimmen den Outcome. Wer das ignoriert, übernimmt ungeprüft die Verzerrungen, die in den Daten stecken.
Daraus leitete sie drei Aufgaben für Unternehmen ab:
Bias erkennen. Verstehen, welche Daten und welches Training hinter einem Modell stehen.
Ziele klären. Was will das Unternehmen mit KI erreichen? Und wie fließen seine Ziele, Überzeugungen und Werte ins Modell ein?
Risiken vermeiden. Sonst läuft KI gegen Arbeitsrecht oder eigene Leitlinien – und verspielt das Vertrauen von Kundinnen und Kunden.
Das Learning: Werte und Bias in unseren Entscheidungen bewusst machen und gezielt in die Modelle einfließen lassen.
Fazit: Die Zukunft entsteht im Zusammenspiel
Die Tools werden immer mächtiger – und das ist gut so. Den Unterschied macht laut Stöttner aber, wie man sie einsetzt: vom Menschen her gedacht, mit Raum für Begegnung und mit klaren Werten. Genau dort liegen die Fähigkeiten, die unersetzlich bleiben.
Die Digital ConnecT ist ein gemeinsames Projekt von IDM Südtirol, dem Handels- und Dienstleistungsverband Südtirol (hds), CNA-SHV Südtirol, dem Unternehmerverband Südtirol (UVS), dem Hotel- und Gastwirteverband (HGV), dem Südtiroler Bauernbund (SBB), dem Wirtschaftsverband Handwerk und Dienstleister (lvh.apa), Confesercenti Südtirol und dem NOI Techpark.
Die Frage, die Stöttner dem Publikum mit auf den Weg gab: Wird KI im eigenen Unternehmen vom Tool, vom Mehrwert oder vom Menschen her gedacht?
Die Veranstaltung fand auf deutsch und italienisch statt – die Präsentation war bilingual angelegt.
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Wie sieht die Zukunft des Maschinenbaus aus, wenn sich Technologie, Märkte und Geopolitik gleichzeitig verschieben? Dieser Frage widmete sich das 7. QESAR Symposium am 17.09.2026 in der Fassfabrik Schwäbisch Hall. Unter dem Motto „Neue Chancen in neuen Welten“ kamen Lieferanten, Partner und Gäste des Maschinenbau-Netzwerks zusammen, um den Blick bewusst nach vorne zu richten. Mit dabei: Zukunftsforscherin Carina Stöttner, die mit ihrem Impulsvortrag den Tag inhaltlich eröffnete.
Ein Symposium mit Blick nach vorn
Das QESAR Symposium hat sich als Treffpunkt für Entscheiderinnen und Entscheider aus dem Maschinenbau und seinem Zuliefer-Umfeld etabliert. In diesem Jahr stand die Frage im Mittelpunkt, was technologische Entwicklungen, wirtschaftliche Veränderungen und geopolitische Verschiebungen konkret für die Branche bedeuten – und welche Chancen darin liegen. Durch den Tag führte Moderatorin Petra Bindl, die die Gespräche mit Klarheit und viel Energie zusammenhielt.
Der Impuls von Carina Stöttner: Zukunft als Gestaltungsraum
In ihrem Impulsvortrag lud Carina Stöttner das Publikum ein, die aktuellen Umbrüche nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeitsraum zu lesen – und spannte dafür drei Szenarien auf. Zunächst die Frage, wie sich ein zunehmend protektionistisches Umfeld auf die Industrie auswirken würde: Was passiert mit exportgetriebenen Geschäftsmodellen, wenn Zölle, Handelsbarrieren und geopolitische Blockbildung zur neuen Normalität werden? Dem gegenüber stellte sie ein „Made in Europe“-Szenario, das die Skaleneffekte des europäischen Absatzmarktes konsequent nutzt. Ihre These: Damit dieses Szenario Realität wird, braucht es einen echten europäischen Wirtschaftsraum, der deutlich über die heutigen Verbindungen hinausgeht – mit harmonisierten Regeln, gemeinsamer Infrastruktur und industriepolitischer Zusammenarbeit statt nationaler Insellösungen.
Als drittes Bild skizzierte sie ein technologisches Szenario, in dem kreative Erneuerung im Mittelpunkt steht: der gezielte Aufbau von Industrien, die neue Wachstumsmöglichkeiten eröffnen – ob Quantencomputing, Künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Halbleiter oder Klima-Adaptionstechnologien. Für den Maschinenbau bedeutet das nicht, das Bestehende aufzugeben, sondern die eigene Kompetenz dort einzubringen, wo die Fabriken, Anlagen und Komponenten dieser neuen Industrien entstehen.
Was ihre Perspektive für eine Branche wie den Maschinenbau besonders wertvoll macht: Als Gründerin der Futurewise Company arbeitet Carina Stöttner seit Jahren mit Industrieunternehmen an Szenarien, die nicht bei Trends stehen bleiben, sondern strategische Entscheidungen vorbereiten.
Podiumsdiskussion: Was jetzt für den Maschinenbau zählt
Nach einem zweiten Impuls von Julian Nuss ging es in der Podiumsdiskussion „Technologie, Märkte, Geopolitik: Was jetzt für den Maschinenbau zählt!“ in die Praxis. Auf der Bühne diskutierten Andrea Conradty, Dr. Christoph Müller, Ralf Schubert und Alfons Riek engagiert und nah an den Realitäten der Unternehmen.
Fazit: Aufbruchsstimmung in der Fassfabrik
QESAR-Geschäftsführer Alexander Friton fasste den Tag mit den Worten zusammen, die Stimmung sei offen, positiv und voller guter Gespräche gewesen – man nehme viele Perspektiven, neue Kontakte und eine große Portion Motivation mit nach Hause. Ein Fazit, das die Atmosphäre des Tages gut trifft: Zukunftsdenken wird im Maschinenbau nicht mehr als Kür verstanden, sondern als Teil der strategischen Pflicht.
Für Carina Stöttner war das QESAR Symposium ein weiterer Beleg dafür, wie groß der Bedarf in der Industrie ist, Unsicherheit in konkrete Handlungsoptionen zu übersetzen. Wer die Chancen in neuen Welten nutzen will, muss sie zuerst sehen – und genau dort setzt Zukunftsforschung an.
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Was tun, wenn die eigene Branche ins Wanken gerät? Über diese Frage hat der SÜDKURIER mit Carina Stöttner gesprochen – im Anschluss an ihre Keynote beim Friends & Family Day des Instituts für strategische Innovation und Transformation (IST) der HTWG Konstanz.
Zwei Denkmuster, die Entscheidungen blockieren
Im Zentrum des Vortrags standen zwei psychologische Verzerrungen, die in nahezu jeder Organisation wirksam sind – und die Carina Stöttner in ihrer Keynote „Zukunft als Chance für Unternehmen“ regelmäßig aufgreift.
Das erste Muster: Bedrohliche Informationen bleiben deutlich besser haften als neutrale oder positive. Ein evolutionär sinnvoller Reflex, der heute allerdings dazu führen kann, dass Führungskräfte Gestaltungsspielräume gar nicht mehr wahrnehmen.
Das zweite wirkt in die entgegengesetzte Richtung: die Annahme, dass alles im Wesentlichen so weiterläuft wie bisher. Carina Stöttner hat das im Saal mit einer einfachen Frage an die rund fünfzig Anwesenden überprüft – das Ergebnis fiel so eindeutig aus, dass der Autor es zur Überschrift eines eigenen Abschnitts gemacht hat.
Szenarien schlagen Prognosen
Der Artikel greift außerdem ein Beispiel auf, das in vielen Vorträgen für Aha-Momente sorgt: Ein Ölkonzern setzte Anfang der Siebzigerjahre gegen den Widerstand der Branche auf systematische Szenarioplanung. Als die Ölkrise eintrat, lagen die entwickelten Szenarien allesamt daneben – und das Unternehmen war trotzdem klar im Vorteil. Der Nutzen von Szenarioarbeit liegt eben nicht in der Trefferquote, sondern in der Handlungsfähigkeit, wenn es darauf ankommt.
Journalist Joshua Tress beschreibt darüber hinaus, in welchen drei Phasen sich Organisationen durch Umbruchsituationen bewegen, wie sich die Anfragen an eine Zukunftsforscherin seit Pandemie und Ukrainekrieg verschoben haben und warum das Ziel eines Zukunftsprozesses sich unterwegs verändern darf.
„Zukunft als Chance für Unternehmen“ zeigt, welche Denkmuster den Blick nach vorn trüben, welcher konkrete Mehrwert im Denken in Szenarien steckt und wie Organisationen ihre Gestaltungsfähigkeit zurückgewinnen – gerade in unsicheren Zeiten. Bisher unter anderem bei der Erste Group, Google, WTS Advisory und der Otto Group auf der Bühne.
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Es gibt Orte, an denen fällt das Nachdenken über die Zukunft leichter. Konstanz am Bodensee gehört dazu. Am 9. und 10. Juli hat das IST zum Friends & Family Day geladen – zwei Tage mit Unternehmer:innen, Alumni, Projektpartner:innen und langjährigen Wegbegleiter:innen des Instituts. Den Auftakt bildete ein Get-Together in der IHK Hochrhein-Bodensee, gestaltet von Lucas Sauberschwarz, Sebastian Strohmaier, Lukas Dieterle und Zukunftsforscherin Carina Stöttner. Das gemeinsame Thema: Resilienz in der Zukunft.
Carina Stöttners Beitrag drehte sich um das Szenariendenken – und um die Frage, warum eine Methode aus den 1970er-Jahren ausgerechnet jetzt wieder so relevant ist.
Die Prognose-Falle
Die meisten Unternehmen planen mit genau einer Zukunft: der fortgeschriebenen Gegenwart. Umsatz plus X Prozent, Kosten minus Y, Marktanteil bleibt stabil. In dieser Logik steckt eine stille Annahme – dass das Morgen ein leicht verändertes Heute sein wird. In stabilen Zeiten funktioniert das erstaunlich gut, so Stöttner. In komplexen Zeiten wird es zum Risiko. Genau da setzt Szenariodenken an. Szenarien sind keine Prognosen. Es geht nicht darum, richtig zu liegen. Es geht darum, auf mehrere Möglichkeiten vorbereitet zu sein.
Was Shell in den 70er-Jahren gelernt hat
Die vielleicht bekannteste Geschichte der Szenarioplanung, die Stöttner in ihrem Impuls aufgriff, beginnt Ende der 1960er-Jahre in der Planungsabteilung von Royal Dutch Shell. Ein paar Pioniere bekamen den Auftrag, sich mit der Möglichkeit zu beschäftigen, dass der Ölpreis steigen könnte. Niemand bei Shell hat die Ölkrise in ihrer Schwere von 1973 vorhergesagt. Das ist der entscheidende Punkt. Aber als sie eintrat, war sie für die Führungskräfte kein völlig unbekanntes Terrain. Sie hatten diese Welt gedanklich schon einmal betreten. Sie mussten nicht erst monatelang fassungslos sein, bevor sie handlungsfähig wurden. Während andere noch damit beschäftigt waren, das Geschehene überhaupt einzuordnen, traf Shell bereits Entscheidungen – und ging aus der Krise deutlich stärker hervor, als es hineingegangen war.
Für Carina Stöttner bis heute die wichtigste Lektion der ganzen Methode: Szenarien verändern nicht die Welt. Sie verändern die Landkarte, die Entscheider:innen im Kopf tragen. Das eigentliche Produkt von Szenarioarbeit ist nicht das Dokument, das am Ende im Regal steht. Es ist das veränderte Denken der Menschen, die damit gearbeitet haben. Deshalb funktioniert es auch nicht, sich Szenarien einfach von außen einkaufen und präsentieren zu lassen. Wer nicht selbst durch den Prozess gegangen ist, findet den Weg nicht.
Warum unser Gehirn ein schlechter Zukunftsforscher ist
Wenn Szenarioarbeit so wirksam ist – warum tun wir uns dann so schwer damit? Die Antwort liegt zu einem guten Teil in unserem Kopf, erklärte Stöttner. Unser Gehirn ist nicht darauf optimiert, über offene Zukünfte nachzudenken. Es ist darauf optimiert, schnell und energiesparend zu Entscheidungen zu kommen. Ein paar der Verzerrungen, die dabei regelmäßig im Weg stehen:
Wir denken Entwicklungen als Geraden. Exponentielles Wachstum, Kipppunkte und Sättigungskurven unterschätzen wir systematisch – erst zu lange zu wenig, dann zu spät zu viel. Das Festhalten an der Normalität. Wenn eine Situation sich verändert, halten wir oft erstaunlich lange an der Annahme fest, es werde schon alles beim Alten bleiben. Das ist keine Dummheit, sondern der Normalfall menschlicher Wahrnehmung unter Unsicherheit.
Der Negativitätsbias, der uns am Schlechten festhalten lässt – weil wir uns von negativen Erfahrungen beeinflussen lassen. Was wir kürzlich gelesen haben, was emotional aufgeladen ist, was in unserer Branche gerade alle diskutieren.
Diese Verzerrungen sind keine Denkfehler im Sinne eines Defekts. Sie waren evolutionär sinnvoll: schnelle Urteile in einer weitgehend stabilen Umwelt. In einer komplexen Umwelt werden sie zur Schwachstelle. Und man bekommt sie nicht dadurch weg, dass man sie kennt – sondern nur durch Methode: durch einen Prozess, der einen zwingt, mehrere Zukünfte gleichzeitig ernst zu nehmen.
Was Szenarien konkret verändern
Was Organisationen aus guter Szenarioarbeit mitnehmen, ist selten ein fertiger Plan. Es ist eher dies:
Sprachfähigkeit. Teams bekommen Begriffe für Entwicklungen, die noch nicht sichtbar sind. Man kann nur besprechen, wofür man Worte hat.
Frühindikatoren. Wer die Szenarien kennt, weiß, worauf zu achten ist – und erkennt Bewegungen früher als der Wettbewerb.
Robuste Entscheidungen. Welche Schritte zahlen sich in allen Zukünften aus? Diese No-Regret-Moves sind oft das wertvollste Ergebnis des ganzen Prozesses.
Entkopplung von Wahrscheinlichkeit und Relevanz. Ein Ereignis kann unwahrscheinlich und trotzdem existenziell sein. Wer nur nach Eintrittswahrscheinlichkeit priorisiert, sortiert genau diese Fälle aus.
Erlaubnis zum Widerspruch. Szenarien machen es sozial zulässig, im Meeting eine abweichende Zukunft auszusprechen, ohne als Pessimist:in oder Spinner:in zu gelten. Unterschätzt, aber vielleicht der größte Kulturhebel.
Und dann: Leinen los
Nach den Impulsen ging es aufs Wasser. Eine Rundfahrt über den Bodensee, gute Gespräche, ein entspanntes Anstoßen in einer Kulisse, die man sich kaum besser ausdenken könnte. Am Freitag klang der Friends & Family Day im Institut aus.
Was von diesen Tagen bleibt: Die Bereitschaft, gemeinsam über unbequeme Zukünfte nachzudenken, ist da – und sie wächst. Genau diese Bereitschaft ist der Anfang von Resilienz. Nicht die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen, sondern die Fähigkeit, auf mehr als eine vorbereitet zu sein.
Ein herzlicher Dank geht an das IST-Team für Einladung und Gastfreundschaft – und an alle, die mitgedacht, mitdiskutiert und mitgefeiert haben.
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Unter diesem Motto fand Mitte Juni 2026 der inzwischen 5. Female Finance Roundtable statt, ausgerichtet von der WTS Advisory. Auch diesmal war die Veranstaltung voll von inspirierenden Impulsen, spannenden Diskussionen und einem offenen Austausch unter den zahlreichen Teilnehmerinnen.
Dabei wurde eines besonders deutlich: Gerade in herausfordernden Zeiten kommt es darauf an, den Fokus auf Möglichkeiten statt auf Risiken zu richten, Handlungsspielräume herauszuarbeiten und Veränderung als Chance zu begreifen.
Zukunft als Raum voller Chancen
Carina Stöttner zeigte in ihrem Impuls eindrucksvoll, warum es sich lohnt, etablierte Denkmuster zu hinterfragen und Zukunft nicht als Bedrohung, sondern als Gestaltungsraum zu verstehen.
Wer Zukunft aktiv gestalten will, muss zunächst die eigenen Wahrnehmungsmuster überwinden – allen voran den Negativitätsbias und den Normalitätsbias, die uns dazu verleiten, Risiken zu überschätzen und Veränderungen zu unterschätzen.
Entscheidend ist dabei, nicht in der einen Zukunft zu denken, sondern in Zukünften. Wer sich weniger von einzelnen Trends (ver)leiten lässt und stattdessen in Szenarien denkt, erweitert die eigene Handlungsfähigkeit erheblich. Wichtig ist die Unterscheidung: Szenarien sind keine Prognosen. Sie liefern keine Vorhersage, sondern eröffnen Denkräume.
Und genau dafür braucht es eines vor allem: Zeit und Raum, um neue Perspektiven überhaupt entstehen zu lassen.
Nachhaltigkeit als strategischer Faktor
Wertvolle Einblicke in die Bedeutung von Nachhaltigkeit und zukunftsorientiertem Handeln für Unternehmen und Entscheiderinnen gab Gyri Reiersen.
Anschaulich zeigte sie auf, was ein Vulkanausbruch in Island mit der Entstehung der Demokratie zu tun hat – ein eindrückliches Beispiel dafür, wie tiefgreifend ökologische Ereignisse gesellschaftliche Entwicklungen prägen können.
Sie verwies auf Studienergebnisse, wonach der Anteil unbewohnbarer Flächen bis 2070 von 1 % auf 19 % ansteigen könnte und in der Folge rund 3,5 Milliarden Menschen umsiedeln müssten.
Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit sieht sie dabei in einem doppelten Verhältnis: einerseits im Spannungsfeld, andererseits in der Chance, sich gegenseitig zu ergänzen – etwa dann, wenn mithilfe von KI die Datenbasis für Nachhaltigkeit schneller auf das Niveau von Finanzdaten gehoben werden kann. Ihr Fazit: Beides – KI wie Nachhaltigkeit – wird zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit benötigt.
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München, IFAT 2026 – die weltweit führende Messe für Umwelttechnologien. Auf einer Bühne sitzen vier Menschen, die gemeinsam eine Frage verhandeln, die für Europas industrielle Zukunft entscheidender kaum sein könnte: Wohin entwickelt sich die Kreislaufwirtschaft – in Richtung eines hochtechnologisierten, global integrierten Systems? Oder ziehen Protektionismus und geopolitische Fragmentierung sie zurück von der internationalen Bühne?
Eingeladen hatten der BDSV (Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen) und der VDM (Verband Deutscher Metallhändler und Recycler) – zwei Verbände, die aktuell zur künftigen Circular Metal Association zusammenwachsen. Auf dem Panel: Murat Bayram, Andreas Schwenter, Prof. Dr. Frank Pothen – und Zukunftsforscherin Carina Stöttner, deren Kurz-Keynote den Diskussionsrahmen aufspannte.
Was dabei sichtbar wurde, geht weit über die Branche hinaus: Stahl- und Metallrecycling ist einer der Orte, an denen sich entscheidet, ob Europa industriell souverän bleibt – und ob es das auf eine Weise tut, die zukunftsfähig ist.
Die unterschätzte Branche: Was es längst gibt
Bevor man über Zukunft spricht, lohnt sich der Blick auf die Gegenwart. Allein in Deutschland stehen rund 10.000 Unternehmen der Kreislaufwirtschaft für etwa 300.000 Arbeitsplätze. In Europa sind es mehrere Millionen Jobs. Familiengeführte Mittelständler, spezialisierte Anlagenbauer, hochtechnisierte Sortierbetriebe – sie haben in den letzten Jahrzehnten Milliarden in Schredderanlagen, moderne Aufbereitungstechnik und KI-gestützte Sortierung investiert.
Murat Bayrams Botschaft auf dem Panel war deshalb klar: Diese Branche muss aufhören, sich kleinzureden. Recyclingbetriebe sind keine Belastung der Umwelt, sondern, in den Worten von Andreas Schwenter, Umweltschutzanlagen. Sie sichern Rohstoffe, vermeiden CO₂, ermöglichen Green Steel und legen das Fundament für industrielle Wertschöpfung in Europa.
Prof. Dr. Frank Pothen lieferte die volkswirtschaftliche Untermauerung: Jede Tonne recycelter Stahlschrott vermeidet erhebliche CO₂-Emissionen. Kreislaufwirtschaft ist nicht Beiwerk der Klimapolitik, sondern ihr praktischer Kern.
In dieses Selbstverständnis hinein setzte Carina Stöttner ihren Impuls – und öffnete den Blick nach vorn.
Stöttners Szenarien: mögliche Zukünfte für die Circular Economy
Stöttners Ausgangsfrage in der Keynote war zugespitzt: Wohin entwickelt sich unsere industrielle Wirtschaft? Und was bedeutet das für die Stahl-, Metall- und Recycling-Branche
Szenario A – Hightech-Circular-Economy. Eine global integrierte Kreislaufwirtschaft, in der KI-Sortierung, Robotik, neue Materialwissenschaften, digitale Materialpässe und internationale Kooperation zusammenwirken. Recyclingquoten steigen drastisch, die Qualität von Sekundärrohstoffen erreicht Primärniveau, Europa wird zum Technologieführer in einem Wachstumsmarkt.
Szenario B – die Kunden wandern ab und verlagern die Produktion weitestgehend ins Ausland. Und mit ihnen gehen Rohstoffe in Form von Produktionsschrott, als auch die Nachfrage nach recycelten Materialien verloren.
Szenario C – fragmentierte Schutzwirtschaft. Steigender Protektionismus, neue Exportverbote, regionale Abschottung. Die Branche verliert Skaleneffekte, Investitionskraft und Innovationsdruck. Kreislaufwirtschaft wird zwar notwendig, aber nicht zum globalen Wachstumsfeld.
Ihre Botschaft: Welches Szenario eintritt, ist keine Prognose. Es ist eine Entscheidung. Und diese Entscheidung wird gerade jetzt getroffen – in Brüssel, in Berlin, in Aufsichtsräten, in Investitionsausschüssen.
Deeptech als Zukunftsformel der Kreislaufwirtschaft
Was Stöttner auf der IFAT besonders deutlich machte: Die nächste Stufe der Kreislaufwirtschaft ist eine Deeptech-Stufe.
Konkret heißt das:
KI-gestützte Sortierung und Materialerkennung, die Sekundärrohstoffe in Qualitäten liefert, die heute nur Primärrohstoffe erreichen
Robotik in der Demontage komplexer Produkte – von E-Autos über Windkraftanlagen bis zu Elektronik
Neue Materialien und Verfahren, die das Design von Produkten von Anfang an auf Kreislauffähigkeit ausrichten
Internationale Kooperationen in Forschung, Standards und Handel, weil kein einzelner Markt groß genug ist, um diese Investitionen alleine zu tragen
Der Trade-off: Wenn Schutz die Branche schwächt, die er schützen soll
An genau diesem Punkt verschränkte sich Stöttners Keynote mit der pointierten Position der Verbände auf dem Panel. Andreas Schwenter und Murat Bayram waren in einer Sache unmissverständlich: Protektionismus, Exportverbote und zusätzliche Handelsbarrieren sind keine Zukunftsstrategie.
Die Logik dahinter ist nicht ideologisch, sondern industrielogisch:
Wer Märkte abschottet, nimmt der Branche Investitionskraft. Recyclingtechnologie skaliert nur mit globalen Absatzmärkten – nicht mit nationalen Restmengen.
Wer Schrottexporte einschränkt, bremst Innovation. Internationaler Wettbewerb ist genau das, was die deutsche Recyclingindustrie zu der Spitzenposition gemacht hat, die sie heute hat.
Wer auf Autarkie setzt, verliert Qualität. Sekundärrohstoffe brauchen Spezialisierung, Sortenreinheit, internationale Stoffströme. Geschlossene Systeme produzieren niedrigere Qualitäten zu höheren Preisen.
Wer den Mittelstand mit Bürokratie überlastet, schwächt das Rückgrat der Kreislaufwirtschaft. Die zehntausend Unternehmen, die das System tragen, brauchen Rahmenbedingungen, die ermöglichen – nicht ausbremsen.
Das heißt nicht: keine Souveränität. Es heißt: kluge Souveränität statt Schutzwall-Reflex. Strategische Vorräte, Diversifizierung kritischer Stoffströme, europäische Standards – ja. Langfristige, pauschale Exportverbote und neue Mauern – nein.
Stöttners Beitrag dazu: Eine Industrie, die sich einigelt, gewinnt kurzfristig Sicherheit und verliert langfristig Zukunft. Die wünschenswerte Kreislaufwirtschaft ist offen, kooperativ und technologisch ambitioniert – nicht defensiv.
Was die Branche jetzt braucht: weniger Nostalgie, mehr Mut
Aus dem Panel und Stöttners Keynote ließen sich vier Imperative für die nächsten Jahre destillieren – nicht als fertige Antworten, sondern als die richtigen Fragen:
Selbstbewusstsein statt Rechtfertigungsmodus. Die Branche löst seit Jahrzehnten praktisch, was andere theoretisch fordern. Diese Leistung gehört in die öffentliche Erzählung über Klimaschutz und industrielle Souveränität.
Deeptech-Investitionen jetzt. KI, Robotik, neue Materialien und digitale Traceability sind keine Pilotprojekte mehr. Sie sind die Basistechnologien des Sektors für die nächsten zwanzig Jahre.
Rahmenbedingungen, die ermöglichen. Bürokratieabbau, schnellere Genehmigungsverfahren, verlässliche Energie- und Handelspolitik – damit Investitionen in Europa stattfinden können, statt anderswo.
Internationale Kooperation als Strategie. Europäische Stärke entsteht nicht im Alleingang, sondern im Verbund mit globalen Partnern, gemeinsamen Standards und offenen Märkten – bei gleichzeitiger Souveränität in echten Schlüsselbereichen.
Der angekündigte Zusammenschluss von BDSV und VDM zur Circular Metal Association passt genau in diese Linie: mehr Schlagkraft, mehr Gemeinsamkeit, mehr Zukunft – und eine Branche, die sich endlich so positioniert, wie sie längst aufgestellt ist.
Fazit: Die Zukunft der Kreislaufwirtschaft ist gestaltbar
Stöttners zentrale Botschaft auf der IFAT: Die Zukunft ist nicht festgeschrieben. Sie ist gestaltbar.
Ob Europa eine globale Hightech-Circular-Economy aufbaut oder sich in eine fragmentierte Schutzwirtschaft zurückzieht, entscheidet sich nicht in Prognosen. Es entscheidet sich in den nächsten Investitionsrunden, in der nächsten Welle europäischer Regulierung, in der Frage, ob die Branche ihre eigene Stärke ernst nimmt – und ob Politik den Mut hat, Möglichkeitsräume zu öffnen statt sie zu schließen.
Über die Veranstaltung
Die IFAT in München ist die weltweit führende Fachmesse für Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohstoffwirtschaft. Auf dem gemeinsamen Bühnenformat von BDSV und VDM – den Verbänden der Stahl- und Metallrecyclingbranche, die zur Circular Metal Association zusammenwachsen – diskutierten:
Carina Stöttner, Zukunftsforscherin, CEO futurewise company
Murat Bayram, Präsident VDM
Andreas Schwenter, Präsident BDSV
Prof. Dr. Frank Pothen, Professor of economics at the University of Applied Sciences (Ernst-Abbe-Hochschule) in Jena
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Ein Rückblick auf die Abschluss-Keynote von Zukunftsforscherin Carina Stöttner beim LEON 2026 – und was sie über die Zukunft industrieller Arbeit, Resilienz und die Risiken eines übersteuerten Protektionismus zu sagen hatte.
Wenn die Zukunftsforscherin ans Pult tritt
Es ist 17:15 Uhr im Casals Forum in Kronberg. Ein langer Kongresstag liegt hinter den rund hundert Entscheiderinnen und Entscheidern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Bundeswehr. Die großen Linien des Tages – Resilienz, Sicherheit, Transformationsfinanzierung, der Mittelstand als Stabilitätsanker – sind gezogen. Dann betritt Carina Stöttner die Bühne und stellt die Frage: wohin könnte die deutsche Industrie und Wirtschaft sich in Zukunft entwickeln?
Stöttner ist Zukunftsforscherin – kein Prognostikerin, die Charts in die nächsten zehn Jahre verlängert, sondern jemand, die mit Unternehmen, Ministerien und Bildungsträgern daran arbeitet, gewünschte Zukünfte konkret zu machen. Ihre Abschluss-Keynote „Die Zukunft der industriellen Arbeit“ war kein Schlusspunkt, sondern ein Startsignal: für eine Debatte, die in Deutschland zu lange technokratisch geführt wurde – und jetzt eine Richtung braucht.
Resilienz ist nicht Verteidigung – sondern die Fähigkeit, Zukunft zu bauen
Den ganzen Tag über war Resilienz das Leitmotiv des LEON 2026 gewesen. Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori hatte sie zur „entscheidenden Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit“ erklärt. Stöttner griff den Begriff auf – und drehte ihn.
Resilienz, so der Tenor ihrer Keynote, ist nicht der Versuch, einen Status quo gegen eine unsichere Welt zu verteidigen. Resilienz ist die Fähigkeit, trotz – und mithilfe – disruptiver Veränderungen handlungsfähig zu bleiben und wünschenswerte Zukünfte zu gestalten. Wer Resilienz nur als Schutzschild begreift, baut Bunker. Wer sie als Gestaltungsfähigkeit versteht, baut Plattformen.
Damit war der Rahmen gesetzt für die zwei großen Themenstränge der Keynote: Deeptech und radikale Innovation auf der einen Seite, Bildung und Arbeit der Zukunft auf der anderen.
Deeptech und radikale Innovation: Deutschlands eigentliche Standortfrage
Deutschland hat ein Innovations-Paradox. Forschungsstark, patentstark, mittelstandsstark – und trotzdem in vielen Schlüsseltechnologien hinter den USA und China. Stöttner lieferte dafür eine Diagnose, die im Saal saß: Wir haben Inkremental-Innovation perfektioniert, radikale Innovation aber strukturell entwöhnt.
Deeptech – also Technologien mit hohem wissenschaftlichem Risiko und langem Entwicklungshorizont, von Quantencomputing über synthetische Biologie bis zu neuen Energie- und Materialsystemen – braucht andere Voraussetzungen als die optimierende Innovation, in der deutsche Industrie groß geworden ist:
Längere Kapitalhorizonte als der typische deutsche Finanzierungsmix sie heute bietet
Höhere Toleranz für Scheitern, sowohl in Unternehmen als auch in der öffentlichen Förderlogik
Engere Verzahnung von Spitzenforschung und industrieller Skalierung, statt sequenzieller Übergaben über jahrelange Schnittstellen
Talent, das interdisziplinär denkt und zwischen Labor, Code und Werkshalle wechseln kann
Die Trade-offs des Protektionismus: Wenn Resilienz zum Käfig wird
Den vielleicht heikelsten Teil ihrer Keynote widmete Stöttner einer Frage, die im aktuellen industriepolitischen Diskurs oft umschifft wird: Was passiert, wenn Protektionismus zu drastisch wird?
Resilienz und Souveränität sind legitime, sogar zwingende Ziele. Aber sie haben eine Schattenseite, die in ehrlicher Industriepolitik benannt werden muss:
Innovationsverlust durch Abschottung. Wer kritische Vorprodukte rein national reorganisiert, zahlt nicht nur höhere Stückkosten, sondern verliert den Wettbewerbsdruck und Wissensaustausch, der Innovation antreibt. Geschlossene Systeme altern schneller als offene.
Kapital- und Talentflucht. Globale Forscher, Gründerinnen und Investoren entscheiden sich für Ökosysteme, in denen sie skalieren können. Übersteuerter Protektionismus signalisiert: Hier wird verteidigt, nicht gebaut.
Strategische Kosten der Subventionsspirale. Jede Industrie, die per Subvention im Land gehalten wird, bindet Mittel, die anderswo – etwa in Deeptech, Bildung, Infrastruktur – mehr Zukunft gekauft hätten. Industriepolitik ist immer auch eine Allokationsentscheidung gegen alternative Zukünfte.
Reziprozitätsrisiken. Schutzmaßnahmen provozieren Schutzmaßnahmen. Eine Exportnation wie Deutschland verliert in einer eskalierenden Protektionismus-Spirale strukturell mehr als geschlossenere Volkswirtschaften.
Demokratische Erosion. Wenn „strategische Industrien“ zur Dauerkategorie werden, wachsen Verflechtungen zwischen Staat und Konzernen, die langfristig Wettbewerb und Erneuerung schwächen.
Stöttners Plädoyer war kein naiver Freihandelsruf, sondern ein Plädoyer für Maß: Resilienz dort, wo sie sicherheitsrelevant und nicht anders erreichbar ist – und Offenheit überall sonst, weil Offenheit die eigentliche Quelle von Innovation und Wohlstand bleibt. Die wünschenswerte Zukunft liegt nicht in maximaler Autarkie, sondern in kluger, partnerschaftlicher Souveränität.
Was bleibt: Drei Imperative für die nächste Dekade
Aus Stöttners Keynote lassen sich drei Imperative destillieren, die für jeden Industrie- und Wirtschaftsstandort gelten – und für Hessen besonders:
Auf Deeptech und radikale Innovation setzen. Inkrementelle Verbesserung ist eine Pflichtübung, kein Standortvorteil mehr. Die Kür heißt: Technologien mit zehn-, fünfzehnjährigem Horizont jetzt finanzieren, organisieren, skalieren.
Bildung und Arbeit vom Lebenslauf her denken. Nicht Curricula, sondern Lernarchitekturen. Nicht Qualifizierung als Projekt, sondern Lernen als Infrastruktur.
Resilienz und Offenheit balancieren. Souveränität dort, wo sie unverzichtbar ist. Offenheit überall sonst – als Quelle von Innovation, Talent und wirtschaftlicher Stärke.
Über den Kongress: LEON 2026 in Wiesbaden
Am 6. Mai 2026 kamen im Casals Forum Wiesbaden Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Sicherheitsinstitutionen zum neuen hessischen Wirtschafts- und Industriekongress LEON zusammen. Das Leitmotiv: Resilienz als entscheidende Standortfrage des 21. Jahrhunderts.
Drei Klammern hielten den Tag zusammen:
Resilienz wird zur Standortfrage für Wettbewerbsfähigkeit – angesichts fragiler Lieferketten, geopolitischer Spannungen und steigender Energie- und Sicherheitsanforderungen.
Industrie, Innovation und Sicherheit lassen sich nicht länger getrennt denken. Schlüsseltechnologien wie KI oder neue Materialien haben zivile und sicherheitsrelevante Anwendungen.
Vom Erkenntnis- zum Umsetzungsproblem. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern eine Umsetzungsaufgabe“, formulierte Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori in seiner Eröffnung.
Prof. Marcel Fratzscher (DIW Berlin) – Keynote: „Nach uns die Zukunft. Ein neuer Generationenvertrag für Freiheit, Sicherheit und Chancen“
Peter R. Manolopoulos (CEO Schunk Group) – „Was uns stark macht: Resilienz im industriellen Mittelstand“
Hans-Dieter Kemler (Vorstand Helaba) – „Transformationsfinanzierung in Deutschland – Hessen geht voran“
Dr. Pierre Dominique Prümm (Vorstand Aviation, Fraport AG) – „Resilienz neu denken: Wie Luftfahrt in turbulenten Zeiten Zukunft gestaltet“
Christoph Bernius (Bereichsvorstand Cyber Risk, Commerzbank AG) – „Cyberresilienz: Europas Weg zu Sicherheit und wirtschaftlicher Stärke“
Dr. Kai Beckmann (CEO Merck KGaA) – Videobotschaft zur Zukunft von Merck
Defence Panel mit Generalmajor Wolf-Jürgen Stahl (Präsident BAKS), Thomas Mailänder (EDAG), Daniel Zittel (Daimler Truck), Prof. Dr. Andreas Glas (UniBw München), Dr. Hans Christoph Atzpodien (BDSV) und Brigadegeneral Holger Radmann (Landeskommando Hessen): „Warum wir starke Kooperationen zwischen Bundeswehr, Wirtschaft und Innovation brauchen“
Nathalia Schomerus (Legal Innovation Lead, Legora) – „Sicherheit und Resilienz der deutschen Industrie in Bezug auf Cybersicherheit“
Hessens industrielle Hoffnungsträger – Präsentation von sechs herausragenden hessischen Unternehmen: JUMO, Energiesysteme Groß, Vacuumschmelze, Ponticon, Stephan Schmidt KG und Alexander Binzel Schweisstechnik / Abicor Group
Carina Stöttner, Zukunftsforscherin – Abschluss-Keynote: „Die Zukunft der industriellen Arbeit“
Ergänzt wurde das Bühnenprogramm durch 13 Breakout Sessions zu Themen wie Bürokratieabbau, Cybersicherheit, nachhaltige Industrie, Transformationsfinanzierung und sicherheitspolitische Kooperation – sowie ein poetisch-musikalischer Wrap-up zum Abschluss.
Der LEON ist als langfristige Plattform angelegt. Er versteht sich, in den Worten Mansooris, als Auftakt eines Dialogs, der die nächsten Jahre prägen soll: „Die Zukunft des Innovations- und Industriestandorts Hessen entscheidet sich jetzt.“
Bild: Fotografie Jana KayBild: Fotografie Jana KayBild: Fotografie KimBild: Fotografie KimBild: Fotografie KimBild: Fotografie Kim
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Wer eine Konferenz, eine Messe oder einen Unternehmenskongress besucht, begegnet früher oder später dem Begriff Keynote oder Keynote Speech. Doch was steckt eigentlich dahinter – und warum hat sich das englische Lehnwort auch im deutschen Sprachraum so fest etabliert?
Der Begriff und seine Herkunft
Der Ausdruck Keynote stammt aus der Welt der Vokalmusik. A-cappella-Ensembles – ob Doo-Wop-Gruppen oder Barbershop-Quartette – spielen oder singen vor jedem Auftritt gemeinsam einen einzigen Ton an. Dieser Ton legt die Tonart fest, in der das Stück aufgeführt wird, und stimmt alle Sängerinnen und Sänger aufeinander ein. Übertragen auf die Welt des öffentlichen Redens bedeutet das: Der Keynote-Speaker stimmt sein Publikum auf die Kernbotschaft einer Veranstaltung ein – er gibt den Grundton an, nach dem sich alles Folgende richtet.
„Der Keynote-Speaker stimmt sein Publikum auf die Kernbotschaft ein – er gibt den Grundton an.“
Im Deutschen spricht man auch von einem Plenarvortrag – einem Vortrag vor allen Teilnehmenden im Plenum einer Konferenz. In der Praxis hat sich jedoch der englische Begriff weitgehend durchgesetzt, selbst in deutschsprachigen Veranstaltungsprogrammen.
Funktion und Bedeutung
Eine Keynote ist weit mehr als eine Eröffnungsrede. Sie legt das inhaltliche und emotionale Fundament für das gesamte Programm: Sie greift die wichtigsten Themen der Tagung oder Messe vorweg, stellt herausragende Neuheiten vor und rahmt die Botschaft, die alle weiteren Sessions und Diskussionen durchziehen soll. Die Keynote gibt Orientierung – sie beantwortet für das Publikum die Frage: Warum sind wir heute hier?
WUSSTEN SIE SCHON?
Bei großen Kongressen können mehrere Keynotes parallel stattfinden. Zunehmend wird der Begriff auch als Synonym für Plenarsitzung oder eingeladener Vortrag verwendet – mit einer Eröffnungs-Keynote, einer abschließenden Keynote und weiteren Keynotes dazwischen.
Zeitliche Einordnung
Häufig steht die Keynote am Anfang einer Veranstaltung – aber nicht zwingend. Sie kann auch in der Mitte als motivierende Überleitung oder am Ende als inspirierende Abrundung platziert werden. Die Entscheidung, wann eine Keynote stattfindet, hängt von der dramaturgischen Absicht der Veranstaltenden ab.
Wer hält eine Keynote?
Keynote-Speaker sind meist Persönlichkeiten mit hohem Bekanntheitsgrad oder ausgewiesener Expertise: Führungskräfte, Unternehmer, Politiker, Spitzensportler oder renommierte Wissenschaftler. Gerade in akademischen Kontexten – etwa bei Hochschulabschlüssen – werden diese Reden oft als Commencement Speech bezeichnet und von eingeladenen Prominenten oder Wissenschaftlerinnen gehalten.
Die Auswahl des richtigen Speakers ist strategisch bedeutsam: Eine bekannte Persönlichkeit oder jemand mit anerkannter Fachkompetenz steigert die Attraktivität der Veranstaltung und weckt das Interesse potenzieller Teilnehmender bereits im Vorfeld.
Die Rolle des Keynote-Speakers
Oft geht die Aufgabe eines Keynote-Speakers über den Vortrag selbst hinaus: In manchen Formaten übernimmt er oder sie auch die Rolle des Konferenz-Moderators und begleitet das gesamte Programm. So entsteht ein roter Faden, der die Veranstaltung inhaltlich zusammenhält.
Honorar und Vermittlung
Keynote-Speaker sind entweder selbstständig tätig oder werden von spezialisierten Redneragenturen – sogenannten Speakers Bureaus – vertreten. Wird ein Speaker über eine Agentur gebucht, fällt üblicherweise eine Provision von 25 bis 30 Prozent an. Nach gängiger Branchenpraxis trägt der Speaker selbst diese Provision, sodass das Honorar für den Auftraggeber transparent und einheitlich bleibt.
Keynote vs. Plenarvortrag: Ein kultureller Unterschied?
Obwohl Plenarvortrag die treffende deutsche Entsprechung wäre, signalisiert der Begriff Keynote heute mehr als nur ein Format: Er steht für einen bestimmten Anspruch an Inszenierung, Relevanz und Strahlkraft. Nicht zuletzt durch tech-geprägte Großveranstaltungen – man denke an die legendären Präsentationen von Apple – hat sich die Keynote als eigenständiges Kommunikationsformat etabliert, das weit über eine schlichte Eröffnungsrede hinausgeht.
Geschrieben von admin am . Veröffentlicht in Blog.
Ein Keynote Speaker ist die zentrale Rednerin oder der zentrale Redner einer Veranstaltung. Eine Keynote eröffnet neue Perspektiven, setzt thematische Impulse und gibt einem Event Orientierung sowie Energie. Anders als ein rein fachlicher Vortrag verbindet eine starke Keynote Inspiration, relevante Inhalte und einen klaren Blick auf die Zukunft.
Carina Stöttner ist als female Keynote Speaker eine gefragte Stimme für Unternehmen, Verbände und Konferenzen, die nach einer modernen, fundierten und inspirierenden Perspektive auf Themen wie Zukunft, Wandel, Künstliche Intelligenz und gesellschaftliche Entwicklungen suchen.
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